MUSIK-WERKSTATT Freiburg
c/o Bezirkskantor Leo Langer

 

Am Sandrain 15

D-76661 Philippsburg-Huttenheim

 

Telefon: (0 72 56) 45 76

Telefax: (0 72 56) 35 27

E-Mail: leo.langer(at)musik-werkstatt-freiburg.de

Der du die Zeit

Text: Jochen Klepper, Musik: Jochen Schwab
vorgestellt in: KONRADSBLATT, www.konradsblatt.de
von Leo Langer, Juli 2001

Über eineinhalb Jahre liegt nun schon der Jahreswechsel zurück, der auch ein Jahrhundertwechsel war, Neujahr 2000. Um diese Zeit entstand die vorliegende Melodie zum Gedicht "Der du die Zeit in Händen hast" des unglücklichen Jochen Klepper. Der seinerseits schrieb seinen Text in der schwersten Zeit des letzten Jahrhunderts, als der Ungeist nationalistischer Verblendung nicht nur seine kleine Familie wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau, sondern ganze Völker mit Tod und Ausrottung bedrohte.

Klepper, dessen schriftstellerische Begabung im Schaffen großer Romanwerke gegipfelt hatte, war durch seinen Verzicht auf die Emigration, sein Ausharren in Deutschland in diesen finsteren Zeiten, auch in seinem Schreiben immer mehr eingeschränkt worden: schließlich blieb ihm – nahezu bis zuletzt, bis zu seinem Freitod im Augenblick höchster Gefahr an Weihnachten 1942 – fast nur noch die Dichtung geistlicher, kirchlicher Lieder, darunter viele mit adventlich-weihnachtlichem Inhalt wie "Die Nacht ist vorgedrungen" (Gotteslob Nr. 111).

"Anfang, Ziel und Mitte im Fluge der Zeiten", das war ihm als tiefgläubigen evangelischen Christen der Herr Jesus, im Lied der "Ewige" genannt, der Vollender, durch dessen Zorn wir alle "hinfahren"; "und doch strömt deiner Gnade Born in unsre leeren Hände". Starke, uralte biblische Bilder, wie das von menschlichem Leben, das "im Winde treibt", oder das von "dieses Jahres (1938) Last", die der Herr in Segen verwandeln möge: "Bleib du uns gnädig zugewandt, und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten" – Solche Dichtung war die Waffe, mit der Jochen Klepper sich im aussichtslosen Kampf gegen die reale Bedrohung zu wehren trachtete. Seine Ehrlichkeit und seine Ehrenhaftigkeit bis zuletzt sind uns Mahnung und Weisung, auch ein wenig Grund, dennoch stolz auf unser Land zu sein, das Menschen solcher Art wie ihn, aber auch Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein und andere hervorgebracht, die es gewagt haben, ihre Träume gegen alle Mächte der Finsternis weiterzuträumen.

Der Komponist unseres Liedes, Jochen Schwab, ist nicht der einzige, dem – gerade um die Jahreswende 2000 – das Gedicht von Jochen Klepper im Kopf herumging. Schon früher ist der Text seiner ursprünglichen Intention, ein Lied zu werden, zugeführt worden, unter anderem durch Siegfried Reda, der 1960 eine Melodie dazu schrieb; sie steht im evangelischen Gesangbuch.

Die hier mitgeteilte neue Vertonung scheint mir deshalb besonders gelungen zu sein, weil sie gleich auf mehreren Ebenen dem Text durch musikalische Mittel gerecht zu werden versucht. Beide Hälften des Liedes beginnen mit relativ lebendigen Rhythmen, um dann in einer ruhigen Viertelbewegung auszuschwingen; der melodische Duktus paßt sich dem an, indem die anfangs heftigeren Pendelschläge gegen Ende jeder Phrase in flacher werdenden Linien verebben. Das entspricht der im Gedicht zu beobachtenden Anlage: Zu Beginn der Halbzeile wird oftmals eine menschliche Aktivität in ihrer Fragwürdigkeit aufgerufen, zu der Gott seine Hilfe, seinen Segen geben möge; mit dieser Bitte schließt dann die Zeile: "Da alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen noch verrinnt, sei du selbst der Vollender" (2.Str.).

Das Weiterbauen Gottes an unserem Stückwerk, seine Ewigkeit, findet ihren Niederschlag in einem Kunstgriff: die Melodie wird nach dem Ende des Textes – dies ist jeweils nach sieben Takten der Fall – noch durch einen Summchor weiter- und zu Ende geführt und erst damit kadenzierend abgeschlossen. So entsteht der Eindruck, daß die Liedzeile fristgerecht, also metrisch richtig abgeschlossen ist, gleichzeitig aber offen endet; der Text geht gewissermaßen nicht bis zum Schluß mit, sondern läßt noch Raum für die träumerische "Vollendung", die der Herr in seinem Segen geben möge.

Die Harmonik des Chorsatzes, schwebend zwischen F-Dur und d-moll, beginnt jedesmal mit einem instabilen Quartsextakkord, um sich, gleich nach dessen Auflösung, über einer diatonisch absteigenden Baßlinie zur Kadenz weiterzubewegen, die aber immer erst in dem gesummten, textlosen Abschluß zur Ruhe kommt, beim ersten Mal in F-Dur, am Schluß dann im "feierlicheren" d-moll.

Die Alla-breve-Vorzeichnung darf nicht so verstanden werden, als gelte es, ein schnelles Tempo anzuschlagen; vielmehr bleibt das Lied trotz dem sehr langsamen Halbetakt immer in einem meditativen, ruhig-nachdenklichen Gestus.

 

nach oben