Fürchte dich nicht (Kanon)
Text & Musik: Matthias Kreuels
vorgestellt in: KONRADSBLATT, www.konradsblatt.de
von Leo Langer, März 2000
Bei bestimmten Anlässen, Familienfeiern oder Freundestreffen harmonische Kanons zu komponieren, ist unter Musikern seit Jahrhunderten Brauch. Von der Musikerfamilie Bach wird solches berichtet, auch Mozart hat einige derartige Gelegenheitskompositionen hinterlassen; die allermeisten dürften aber wohl mit dem Anlaß ihrer Entstehung auch dem Vergessen anheimgefallen sein.
Matthias Kreuels, bisheriger Leiter des Amts für Kirchenmusik in unserer Diözese, vielbeschäftigter Musiker, Lehrer, Organisator und Familienvater, hat diesen Brauch ebenfalls gelegentlich aufgegriffen. Sein kleiner vierzeiliger Kanon "Fürchte dich nicht", entstanden anläßlich einer Hochzeit im Freundeskreis, gehört mit in diese Kategorie: eine sechzehntaktige Melodie über einem einfachen Akkordmodell in F-Dur, geschwind notiert, vielleicht in einigen freien Minuten zwischen wichtigen Sitzungen. Und doch lohnt es sich, einmal etwas genauer hinzuschauen.
Der Text ist aus zwei verschiedenen Abschnitten zusammengesetzt, nämlich Schriftstellen, die die Brautleute jeweils unabhängig voneinander dem Autor als ihren Wunsch zur Vertonung angaben.
Zeile eins und zwei enthält zwei Worte des Propheten Jesaia aus dem 44. und 45. Kapitel. Die Fortsetzung, Zeile drei und vier, entstammt dem Johannes-Evangelium.
Die Sätze bei Jesaia, aus denen der Liedtext zusammengestellt worden ist, lauten vollständig folgendermaßen:
"Ich habe dich geschaffen, du bist mein Knecht, Israel. Ich fege deine Vergehen hinweg wie eine Wolke und deine Sünden wie Nebel. Kehr um zu mir; denn ich erlöse dich." Und kurz danach im nächsten Kapitel: "Um meines Knechtes Jakob willen, um Israels, meines Erwählten, willen habe ich dich bei deinem Namen gerufen."
Neuen Sinn erhalten diese Sätze, wenn man das Jesus-Wort aus den Abschiedsreden, wie bei Johannes überliefert, hinzu nimmt: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben!"
Beide Bibelstellen so in Beziehung zu setzen, wie es dieses Liedchen tut, bringt neue Bedeutung hervor. Unmittelbar, nachdem wir die beruhigende Zusicherung Gottes gehört haben: "Du bist mein", vernehmen wir die Aufforderung Jesu, diese Liebe und Geborgenheit weiterzugeben: "Liebt einander".
Die Form des Kanons ermöglicht sogar, beide Sätze harmonisch verbunden ineinander zu singen, was das Zeichen noch deutlicher macht.
Die Kanonmelodie der ersten und vierten Zeile – eben die zentralen Worte der Botschaft: "Fürchte dich nicht – Liebet einander" – ist bis auf die letzten drei Töne gleich, also im Einklang gesetzt. Sie erinnert in ihrem Kreisen um einen Zentralton an Vesperpsalmodie, etwa im VI. Ton, wenn auch prägnant rhythmisiert.
Die zweite Zeile dagegen bringt nach einem rasanten Anstieg in großen, kaskadenartigen Sprüngen die Melodie zurück auf die Dominante in tiefer Lage, die ja auch harmonisch das Ziel des Viertakters ist. Die Abwärtsbewegung der Zeile besteht im Grunde aus einer Kette von Rufterzen: "ich habe dich gerufen: du bist mein!".
Die eigentlich durchgehende Viertelbewegung wird an einigen Stellen durch Synkopierungen aufgehalten und mit Betonungen versehen, sinnreich auf die Worte "erlöst", "deinem Namen" und "du" angebracht.
Dieser lockere Parlando-Rhythmus wird nur verlassen in der dritten Zeile, die gemeinsam mit dem Klavierbaß doppelt langsam, in halben Noten daherkommt: "Dies ist mein Gebot". Dadurch wird dem Gewebe der Drei- bis Vierstimmigkeit ein ruhiges Element beigefügt, das an die mahnende Stimme Jesu erinnern soll.
Bleibt noch zu sagen, daß das kleine Lied, entstanden aus dem Zusammenhang einer privaten Feierstunde, schon bald in größerer Öffentlichkeit, besonders bei den Intensivkursen der kirchenmusikalischen C-Ausbildung, oft und gern gesungen wurde. Möge es weiterhin seine Kreise ziehen.
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